Sämann und Weinberg:
Seminar mit dem jüdischen  Gelehrten Dr. Yuval Lapide über die Welt der Gleichnisse Jesu

Vor sich hat er eine Bibel und ein Glas Wasser. Mehr braucht Dr. Yuval Lapide nicht. Eigentlich braucht er die Bibel auch nicht – er hat sie im Kopf. Und die 26 Zuhörer/innen im Gemeindehaus von St. Stephanus hat er nach einer Vorstellungsrunde auch im Kopf und spricht jeden mit Vornamen an. Das ist wichtig, denn wir sitzen nicht bequem in einem Vortrag, sondern in einem Seminar. Und das heißt Aufmerksamkeit und Mitarbeit in jeder Minute der vier Stunden.

YuvalLapide

Yuval Lapide ist Jude, geboren in Jerusalem. Wenn er von Jesus erzählt, dann tut er es mit der Leidenschaft eines Rabbi, der seinen großen, 2000 Jahre älteren Kollegen bewundert. Jesus und Yuval sprechen die gleiche hebräische Sprache, sie vertreten die gleiche Tora, Gesetz und Propheten, sie lieben es, den Menschen den gleichen Gott nahezubringen. Als Jude sieht er Jesus nicht als Gottes Sohn und Messias, aber das spielt in diesem Seminar keine Rolle. Lapide versteht sich als spirituell-theologischen Brückenbauer, der das gegenseitige Verständnis von Christen und Juden fördert und zur Versöhnung aufruft, wo immer sie nötig ist. Dazu gehört, dass er seine faszinierenden Kenntnisse auch des Neuen Testaments weitergibt und uns Christen die jüdische Sicht auf die Gleichnisse Jesu nahebringt.

Das Wirken Gottes in Gleichnissen zu erklären, ist ein uralter Schatz Israels. Lapide hält Jesus für einen Meister dieser Kunst. Die Bibel verrät nicht, wo er das gelernt hat. Aber da er Rabbi genannt wurde, muss er studiert haben, sagt Lapide. Jehoschua war ein Schriftgelehrter und ein religiöses Wunderkind dazu, siehe: Der zwölfjährige Jesus im Tempel.

Im ersten Gleichnis dieses Seminars berichtet Matthäus vom Sämann, dessen Samen auf vier verschiedene Böden fällt (Mt 13). Wir lernen, auf die Zahlen zu achten. Vier Böden, die Samen fallen auf den Weg, auf felsigen Grund, unter Dornen und auf guten Boden. Vier bedeutet immer die Welt. Als fünftes folgt die Deutung, die Überhöhung, die Transzendenz. Lapide hat dieses Gleichnis mit Bedacht gewählt, denn auf die Frage der Jünger  – Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? - folgt die eigene Deutung Jesu. Immer geht es ihm um das Reich Gottes und nie erzählt Jesus nur eine hübsche Geschichte. Seine Gleichnisse zielen auf Veränderung, denn das ist die Voraussetzung, um das Reich Gottes in uns selbst zu errichten. Jesus ist ein unbequemer Jude, ganz in der Tradition von Jesaja, Ezechiel und anderen Propheten. Er will seine Zuhörer herausführen aus ihrer bequemen Gleichgültigkeit. Ein Gleichnis wirkt dazu besser als jeder direkte Appell. Den schüttelt man gern ab und merkt ihn sich nicht. Die Bilder der Gleichnisse aber bleiben hängen, die Menschen denken nach und kommen selbst zur richtigen Erkenntnis: Ich muss mich (ver)ändern, ich muss umkehren! Hören reicht nicht, Herr, sagen auch nicht. Ich muss etwas  t u n. Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt, aber keine Wurzeln hat, sondern unbeständig ist. Ihn bläst der nächste Wind, Widerspruch oder Verfolgung um (Mt 13,21).

Jesus nimmt seine Gleichnisse gern aus der Natur, weil die Natur selber für ihn der große Lehrmeister ist. Der Samen, das Feld, die Wurzeln hier, woanders die Lilien auf dem Felde, die Vögel des Himmels, das Senfkorn, das Fischnetz. Die Natur ist der Verbündete der Menschen. Die Schöpfung hilft uns, von der Natur zu lernen. Wie die Vögel sich Gott unterordnen, so sollen auch wir es tun. So lernen wir die gleiche Demut, das gleiche Vertrauen. Diese Gedanken Yuval Lapides sind auch die wichtigste Botschaft der Enzyklika „Laudato sì“ von Papst Franziskus.

Das zweite Gleichnis dieses Nachmittags handelt von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20). Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit … Ein Gleichnis, das so beginnt, ist lang, herausfordernd und besonders wichtig. Wieder geht der Gutsbesitzer fünfmal (!) auf den Markt, um Arbeiter zu werben. Vereinbart wird ein Denar. Damit kann ein jüdischer Arbeiter seine Familie einen Tag ernähren. Mal ehrlich: Wer von uns hat sich nicht schon einmal darüber geärgert, dass auch die letzten, die nur eine Stunde gearbeitet haben, den gleichen Lohn bekommen wie jene, die zwölf Stunden lang die Last der Arbeit und die Hitze ertragen haben

Wieder beginnt Lapide mit der Natur. Warum Weinberg? Die Natur lehrt uns: Der Weinberg braucht besonderen Boden, genau bemessene Sonne und Feuchtigkeit, viel Mühe und Hingabe bei der Arbeit. Dafür ist das Ergebnis, der Wein, der reine Genuss. In Maßen natürlich. Der Wein erfreut des Menschen Herz. Buchstäblich ein Vorgeschmack des Himmelreichs. Wieder arbeiten wir lange an der Zahlensymbolik. Das ist keine Spielerei, sondern für jeden Juden aufschlussreich und hilfreich auch für christliche Exegese. Die erste, dritte, sechste, neunte und elfte Stunde, Zahlen der Einheit Gottes und der Transformation (Umwandlung). Ohne Verwandlung keine Erlösung.

Der Weinberg ist das Reich Gottes, in dem und an dem gearbeitet werden muss. Der eine Denar ist die Einheit Gottes. Die irdische Gerechtigkeit ist anders als die Gottes. Gott sucht uns von morgens bis abends zu erreichen. G o t t  sucht, wir müssen nur mitgehen. Seine Gnade ist ein Denar. Mehr kann es gar nicht geben. Denn er schenkt jedem die Fülle seiner Gnade, ganz gleich ob wir seinen Ruf zur ersten oder zur letzten Stunde erhalten. Gott sieht auf das gesamte Leben, nicht nur auf einen Arbeitstag. Und ist es nicht allein schon ein unschätzbarer Lohn, im Weinberg Gottes arbeiten zu dürfen?

Yuval Lapide krönte dieses Seminar, indem er im Gottesdienst danach predigte und das Evangelium des Johannes auslegte: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Noch einmal riss Rabbi Lapide seine christlichen Zuhörer mit durch seine umwerfende charismatische Energie und seinen Feuereifer für die Worte der Bibel.

Winfried Roesner